Abu Muhammad
Alles Lob gebührt Allaah. Friede und Segen seien auf dem Gesandten Allaahs, auf seiner Familie, seinen Gefährten und allen, die ihnen in Gutem folgen und folgten.
Der Mensch lebt in dieser Welt verwoben in einem Zusammenhang, in dem er allen Gegenständen und Geschöpfen um ihn herum einen Sinn zuschreiben kann. Alles in der Natur ist miteinander verbunden, um Leben zu ermöglichen. Alles in der Natur ist nutzbar zu machen. Allein mit der Frage nach seinem eigenen Sinn tut er sich schwer. Wenn alles Sinn macht sogar bis ins letzte Detail hinein, wenn alles in deutlicher Harmonie miteinander besteht, dann ist es abwegig, sich selbst, das menschliche Leben insgesamt oder die gesamte Realität als sinnlos und „eben einfach existierend“ abzutun, wie es manche tun.
Die Mehrheit sucht aber nach einem Sinn des Lebens. Wenn der Mensch ernsthaft nach dem Sinn/Ziel von etwas fragt, kennt er nur zwei Möglichkeiten.
Entweder hat etwas
a) einen Instrumentalsinn, das heißt es hat den Sinn, etwas anderes zu bewirken, zu erleichtern, ein Bedürfnis zu befriedigen. Damit ist es ein untergeordnetes Glied in einer Kausalkette. Oder:
b) etwas ist der Letztsinn. Es findet Sinn in sich und man kann nicht mehr weiterfragen.
Wenn der Mensch die Frage nach Sinn oder Ziel des Lebens beantworten will, kann er mit a) antworten und nach einem Instrumentalsinn suchen. Dann ist das Leben ein Mittel etwas anderes, höheres, folgendes in der Kausalkette zu bewirken. Z. B. der Sinn des Lebens ist, Glück zu spüren, Sinn des Lebens ist Schmerz zu beseitigen. Das Problem dabei ist, dass die ganze Kausalkette unlogisch wird, weil man den Sinn von etwas in einem solchen Ding findet, das gar nicht existieren würde, wenn nicht auch das, dessen Sinn erfragt wird, existierte. Denn ohne den Menschen gäbe es gar nicht die Möglichkeit für ihn Glück zu empfinden, es gäbe keinen Schmerz: Warum soll also der Mensch geschaffen sein, um ein Problem zu beseitigen, das ohne ihn gar nicht bestände?
So kann man, wenn man nach dem Instrumentalsinn eines Roboters gefragt wird, nicht sagen, der Sinn des Roboters läge darin, dass dieser sich selbst seine Schuhe bindet, sich selbst Kleider anzieht oder sich selbst reparieren kann. Denn damit hat man den Sinn des Roboters in der Befriedigung eines Bedürfnisses gefunden, das gar nicht ohne den Roboter existieren würde. Gefragt war aber nach dem Sinn der ganzen Kausalkette und nicht nach einem logischen Zirkelschluss. Der Sinn eines Roboters oder jedes anderen Instruments kann aber nur darin gesehen werden, dass er etwas außer sich liegendes bewirkt, z. B. seinem Erfinder die Schuhe bindet, ihm die Kleider anzieht, oder ihn verarztet, um bei den Beispielen zu bleiben.
Ein solcher Zirkelschluss bei einer Sinnfrage wird pointiert ins Lächerliche gezogen durch die Frage „Was ist der Sinn der Ehe“ und die folgende Antwort „Damit beide gemeinsam die Probleme lösen, die sie nicht hatten, als sie noch unverheiratet waren.“
Wenn man nach dem Sinn des Lebens fragt und eine solche Instrumentalantwort sucht, dann darf man keinen solchen Zirkelschluss begehen. Wenn schon, dann muss man etwas Höheres als das menschliche Leben anerkennen, man muss das Leben des Menschen instrumentalisieren für einen höheren Zweck, der schon selbst der Endzweck ist oder zumindest (über einen oder mehrere Schritte) zum Endzweck führt. Viele religionsähnliche Ideologien gehen offensichtlich diesen Weg: Der Faschismus sieht im Sinn des Lebens die Höherentwicklung der Rasse, der Sozialdarwinismus in der Ausmerzung der Schwächeren, der Sozialismus sieht die Vollendung des menschlichen Daseins erst in der klassenlosen Gesellschaft, bis dahin dient menschliches Leben nur der Vorbereitung dieser Ordnung. Der Pharao Ägyptens degradierte seine Untertanen zu Arbeitern, die nur für sein eigenes ewiges Leben Pyramiden errichten sollten. Götzendiener opfern Menschen, um ihre Götter zufrieden zu stellen.
Will man nichts Höheres als den Menschen anerkennen, so verweigert man die Suche nach einem instrumentellen Zweck des Menschen und erklärt den Menschen zum höchsten Ziel wie unter b). Damit ist der Mensch quasi sein eigener Gott, das letzte Glied in einer Kausalkette.
Der Humanismus geht diesen Weg und ist augenscheinlich darum bemüht, den Menschen vor einer Instrumentalisierung durch dunkle Ideologien zu schützen. Menschliches Leben darf nicht in den Bereich des Nutzdenkens gezogen werden, wie es Rassendenken und Machtideologien tun. Auch gegen die monotheistische Religion richtet sich dieser humanistische Gedanke, denn nach der Kritik liefert der Monotheismus den Menschen an eine höher stehende Kraft aus. Wenn der Mensch sich aber als letztes Glied der Kausalkette sieht, ohne ein höheres Ziel anzusehen, so wird alles um ihn herum zum Instrument für ihn.
Die Natur wird daher ausgebeutet, so lange man sich einen Nutzen verspricht. Wenn dann nach langer Ausbeutung der Schaden für das menschliche Leben selbst sichtbar wird, dann wird die Bewahrung der Natur auf die Fahnen geschrieben. Die Natur wird jedoch nur geschützt, weil sie dem obersten Ziel, dem Menschen, dient, nicht aber weil die Natur einen ihr innewohnenden Sinn und ein eigenes Recht hätte. Diese Instrumentalisierung von allem, ist die logische Folge, wenn der Mensch sich ohne eine übergeordnete Macht selbst an die Spitze der Schöpfung stellt. Gleichzeitig fühlt der moderne Mensch Unbehagen bei dieser Instrumentalisierung, was das Beispiel der Massentierhaltung zeigt.
Die eiskalte Reduzierung des Lebenssinns von Tieren auf Fleischmaschinen oder Eierautomaten in beengten Käfigen und unter strengster Rationalisierung lässt die meisten Menschen zurückschaudern. Eine Haltung im Freien, die das Tier eher so leben lässt, wie es schon vor dem Menschen lebte, erscheint diesen Leuten als „menschlicher“ bzw. „tierisch-angemessener“ – auch für solche, die nicht prinzipiell gegen das Schlachten des Tieres zum Fleischverzehr sind. Was ihnen Abscheu einflößt, ist die totale Reduzierung des Lebenssinns des Tieres auf seine Funktion für den Menschen. Viele Menschen schrecken also vor ihrer eigenen Vergötzung zurück.
Der Islam sieht das Ziel des Menschen in der Anbetung Allaahs. Der Mensch ist also kein Selbstzweck wie unter b).
Die Gefahr der Instrumentalisierung ist aber nicht gegeben, da die Anbetung Allaahs für Allaah nicht von Nutzen ist. Der Mensch ist also kein Werkzeug, kein Glied in einer Kausalkette, um für Allaah einen Nutzen hervorzubringen.Da Allaah die menschliche Anbetung nicht braucht und bedürfnislos ist, wird Anbetung für den Menschen eine Ehre. Der Mensch wird zum Diener des Höchsten, ohne dass dieser Höchste, Allaah, sich seiner bedient.
Der Mensch steht durch sein Bewusstsein in der um ihn herumliegenden Schöpfung am höchsten, da er befähigt ist, alles auf seine Funktion und seine Mittel-Zweck-Beziehung hin zu untersuchen. Wenn er will, kann er theoretisch alles, was unter ihm steht, instrumentalisieren (auch wenn er es nicht darf). Der Mensch ist im Islaam weder Instrumentalzweck (da er kein Instrument für Allaah ist) noch ein Endzweck in sich.
Die Instrumentalisierung der restlichen Schöpfung durch den Menschen wird auch im Islaam verhindert durch die Auszeichnung des Menschen als Chaliifa. Der Mensch ist ein Stellvertreter (Chaliifa) Allaahs. Damit hat er eine gewaltige Ehre und Verantwortung, während ihm gleichzeitig der Rest der Schöpfung nur anvertraut ist. Instrumentalisieren darf er nur im begrenzten Rahmen, wie es ihm seine von Allaah eingegebene Natur gestattet (z. B. so viel essen, um satt zu werden, aber nicht Tiere töten als Sport). Damit stehen in gewisser Weise Mensch und Rest der Schöpfung auf ähnlicher Stufe, da sie beide erschaffen sind.
Gleichzeitig aber erhält der Mensch seine Würde durch Allaah, da er sein Stellvertreter sein darf. Er darf die Aufgaben übernehmen, die ihm Allaah, Der das letzte Ziel der Schöpfung ist und zu dem alles zurückkehrt, zugestanden hat. Die Rolle des Menschen ist damit durch Würde und Ehre (wie unter Lösung b) und gleichzeitig durch Bescheidenheit (wie unter a) gekennzeichnet, vermeidet aber die beiden Möglichkeiten, den Menschen zum Instrumentalzweck zu erniedrigen oder zum Selbstzweck zu vergotten.
Was den Menschen Würde gibt, ist die Tatsache, dass alles in seinem Machtbereich liegende von ihm zum Werkzeug gemacht werden kann, ohne dass es sich bewusst wird, wie es benutzt wird. Der Hammer, dessen sich der Mensch bedient, ist tote Materie und merkt nicht, dass er ein bloßes Werkzeug ist. Das Tier, das der Mensch jagt und schlachtet, wehrt sich mit Zähnen und Krallen, aber nur um sein Leben zu retten, nicht weil es sich instrumentalisiert, benutzt oder funktionalisiert vorkommt. Der Mensch ist das einzige (ihm selbst sichtbare) Lebewesen, dass es merkt, wenn es zum Glied in einer Kausalkette wird und wenn sich eine andere Macht seiner bedient. Diese Macht kann nur Allaah sein, der ihnauch tatsächlich als „Diener“ anspricht, aber doch ohne sich seiner zu „bedienen“.
Dies ist eine Tatsache, die der Mensch sonst nicht kennt: alles Höhere instrumentalisiert Niedrigeres. Diener bedienen Höherstehende. Bei Allaah ist es aber anders: Er erklärt den Menschen zu seinem eigenen Diener, ohne etwas dafür zu bekommen und belohnt ihn noch dafür. Er gibt, ohne zu bekommen. Er macht den Menschen zu seinem Diener, ohne dass der Diener von ihm Ungerechtigkeit oder Maßlosigkeit fürchten müsste. Er ernennt ihn zu seinem Stellvertreter (Chaliifa), womit er dem Menschen die Fähigkeit zugesprochen hat, die Aufgaben des Stellvertretertums auch auszufüllen. Er lässt ihn diese Aufgaben tun und belohnt ihn noch dazu, obwohl er diese Aufgaben auch selbst tun könnte durch seinen bloßen Willen.
Über den Sinn der Erschaffung des Menschen sagt Allaah: „Wa ma chalaqtu l- dschinna wa l-insa illa li-ya’buduun“: „Ich habe die Dschinn und Menschen nur erschaffen, dass sie mir dienen.“ (51:56)
In Sura Yasin Vers 61 wird diese Anbetung als der gerade Weg (siraat mustaqiim) beschrieben: „Und dass sie mir dienen: das ist der gerade Weg.“
Und von dort lässt sich eine Verknüpfung zur Sura al-Faatiha herstellen. Mit ihr sollen die Muslime genau um diesen „geraden Weg“ beten: um den geraden Weg der Dienerschaft, der zu Allaah führt am Ende aller geschaffenen Kausalketten, wodurch das menschliche Leben seinen Sinn findet in etwas, das in all seinen Aspekten höher steht und außerhalb seiner selbst liegt.
Wie aber gehen die Menschen mit dem Sinn ihres Daseins um?
Ein großer Teil der Menschheit sucht den Sinn des Lebens in Dingen, die nur ein Teilaspekt des Lebens sind, die in der Folge des Lebens entstanden sind und nicht an seinem Anfang stehen. Sie haben all ihr Streben auf einem Zirkelschluss, einem Teufelskreis aufgebaut. Wenn man zurück zur Sura Yasin schaut, so sieht man, dass einen Vers vor dem genannten das Gegenteil des geraden Wegs erwähnt wird: Die Anbetung des Schaitans! (36:60) Der Teufelskreis ist also durchaus nahe liegend. Am Anfang des Lebens steht Allaah, im Gefolge des Lebens stehen Reichtum, Vergnügen, Nachkommen, Kunst, Sport – allesamt Dinge, die das vorhandene Leben angenehmer, einfacher machen oder auch wie im Falle von Nachkommenschaft fortführen, jedenfalls aber nicht hervorgebracht haben.
Allaah sagt im Qur’aan: al-maalu wa l-banuuna ziiynatu l-hayaati d-dunya. „Vermögen und Söhne sind der Schmuck (Ziiyna) des diesseitigen Lebens.“ (18:46) Also Schmuck, Anhängsel und nicht der eigentliche Sinn, die Essenz, das Wesen und der Daseinsgrund.
Diese Sinnentstellung ähnelt dem Fall einer Behörde, z. B. einem Verteidigungsministerium, deren Mitarbeiter völlig den eigentlichen Grund ihrer Tätigkeit vergessen haben und in ihren Büros nur noch mit dem Ölen der Schreibmaschinen, dem Polieren der Tische und dem Funktionieren des Kaffeeautomatens beschäftigt sind. Selbst der Verteidigungsminister hat völlig das Ziel aus den Augen verloren und kontrolliert nur noch regelmäßig diese Tätigkeiten, lässt ständig sein Namensschild erneuern und entwirft neue Muster für seine Visitenkarten. Erst wenn solche Menschen von der Regierung zur Verantwortung gezogen werden, merken sie, dass sie ihre eigentliche Aufgabe hinter Details vergessen haben, die ihren Sinn lediglich durch eben diese
Aufgabe bekommen haben! Ein Verteidigungsminister, der sich nicht der Verteidigung widmet, braucht weder geölte Schreibmaschinen noch Visitenkarten, die zwar Vorstufen für das reibungslose Funktionieren der Bürokratie und Abwicklung der Aufgaben (, also Glieder in einer Kausalkette,) sind, die aber keinen Letztsinn in sich tragen.
Und genauso wird es den Menschen am Jüngsten Tag ergehen, die hinter dem „Schmuck des Diesseits“ vergessen haben, dass der Sinn des Diesseits nur in etwas Übergeordnetem, in etwas Größerem, nämlich im Dienst an Allaah und im Jenseits liegen kann. Über solche Verstorbene sagen die Hinterbliebenen leider voller Stolz: „Er hat sein Leben der Kunst gewidmet“. „Rennsport war sein ein und Alles“. „Er hatte sich mit Haut und Haaren der Literatur verschrieben.“
Möge Allaah Seine Diener vor diesem Schicksal schützen. Alles Lob gebührt Allaah und zu Ihm ist die Rückkehr.
Quelle
Alles Lob gebührt Allaah. Friede und Segen seien auf dem Gesandten Allaahs, auf seiner Familie, seinen Gefährten und allen, die ihnen in Gutem folgen und folgten.
Der Mensch lebt in dieser Welt verwoben in einem Zusammenhang, in dem er allen Gegenständen und Geschöpfen um ihn herum einen Sinn zuschreiben kann. Alles in der Natur ist miteinander verbunden, um Leben zu ermöglichen. Alles in der Natur ist nutzbar zu machen. Allein mit der Frage nach seinem eigenen Sinn tut er sich schwer. Wenn alles Sinn macht sogar bis ins letzte Detail hinein, wenn alles in deutlicher Harmonie miteinander besteht, dann ist es abwegig, sich selbst, das menschliche Leben insgesamt oder die gesamte Realität als sinnlos und „eben einfach existierend“ abzutun, wie es manche tun.
Die Mehrheit sucht aber nach einem Sinn des Lebens. Wenn der Mensch ernsthaft nach dem Sinn/Ziel von etwas fragt, kennt er nur zwei Möglichkeiten.
Entweder hat etwas
a) einen Instrumentalsinn, das heißt es hat den Sinn, etwas anderes zu bewirken, zu erleichtern, ein Bedürfnis zu befriedigen. Damit ist es ein untergeordnetes Glied in einer Kausalkette. Oder:
b) etwas ist der Letztsinn. Es findet Sinn in sich und man kann nicht mehr weiterfragen.
Wenn der Mensch die Frage nach Sinn oder Ziel des Lebens beantworten will, kann er mit a) antworten und nach einem Instrumentalsinn suchen. Dann ist das Leben ein Mittel etwas anderes, höheres, folgendes in der Kausalkette zu bewirken. Z. B. der Sinn des Lebens ist, Glück zu spüren, Sinn des Lebens ist Schmerz zu beseitigen. Das Problem dabei ist, dass die ganze Kausalkette unlogisch wird, weil man den Sinn von etwas in einem solchen Ding findet, das gar nicht existieren würde, wenn nicht auch das, dessen Sinn erfragt wird, existierte. Denn ohne den Menschen gäbe es gar nicht die Möglichkeit für ihn Glück zu empfinden, es gäbe keinen Schmerz: Warum soll also der Mensch geschaffen sein, um ein Problem zu beseitigen, das ohne ihn gar nicht bestände?
So kann man, wenn man nach dem Instrumentalsinn eines Roboters gefragt wird, nicht sagen, der Sinn des Roboters läge darin, dass dieser sich selbst seine Schuhe bindet, sich selbst Kleider anzieht oder sich selbst reparieren kann. Denn damit hat man den Sinn des Roboters in der Befriedigung eines Bedürfnisses gefunden, das gar nicht ohne den Roboter existieren würde. Gefragt war aber nach dem Sinn der ganzen Kausalkette und nicht nach einem logischen Zirkelschluss. Der Sinn eines Roboters oder jedes anderen Instruments kann aber nur darin gesehen werden, dass er etwas außer sich liegendes bewirkt, z. B. seinem Erfinder die Schuhe bindet, ihm die Kleider anzieht, oder ihn verarztet, um bei den Beispielen zu bleiben.
Ein solcher Zirkelschluss bei einer Sinnfrage wird pointiert ins Lächerliche gezogen durch die Frage „Was ist der Sinn der Ehe“ und die folgende Antwort „Damit beide gemeinsam die Probleme lösen, die sie nicht hatten, als sie noch unverheiratet waren.“
Wenn man nach dem Sinn des Lebens fragt und eine solche Instrumentalantwort sucht, dann darf man keinen solchen Zirkelschluss begehen. Wenn schon, dann muss man etwas Höheres als das menschliche Leben anerkennen, man muss das Leben des Menschen instrumentalisieren für einen höheren Zweck, der schon selbst der Endzweck ist oder zumindest (über einen oder mehrere Schritte) zum Endzweck führt. Viele religionsähnliche Ideologien gehen offensichtlich diesen Weg: Der Faschismus sieht im Sinn des Lebens die Höherentwicklung der Rasse, der Sozialdarwinismus in der Ausmerzung der Schwächeren, der Sozialismus sieht die Vollendung des menschlichen Daseins erst in der klassenlosen Gesellschaft, bis dahin dient menschliches Leben nur der Vorbereitung dieser Ordnung. Der Pharao Ägyptens degradierte seine Untertanen zu Arbeitern, die nur für sein eigenes ewiges Leben Pyramiden errichten sollten. Götzendiener opfern Menschen, um ihre Götter zufrieden zu stellen.
Will man nichts Höheres als den Menschen anerkennen, so verweigert man die Suche nach einem instrumentellen Zweck des Menschen und erklärt den Menschen zum höchsten Ziel wie unter b). Damit ist der Mensch quasi sein eigener Gott, das letzte Glied in einer Kausalkette.
Der Humanismus geht diesen Weg und ist augenscheinlich darum bemüht, den Menschen vor einer Instrumentalisierung durch dunkle Ideologien zu schützen. Menschliches Leben darf nicht in den Bereich des Nutzdenkens gezogen werden, wie es Rassendenken und Machtideologien tun. Auch gegen die monotheistische Religion richtet sich dieser humanistische Gedanke, denn nach der Kritik liefert der Monotheismus den Menschen an eine höher stehende Kraft aus. Wenn der Mensch sich aber als letztes Glied der Kausalkette sieht, ohne ein höheres Ziel anzusehen, so wird alles um ihn herum zum Instrument für ihn.
Die Natur wird daher ausgebeutet, so lange man sich einen Nutzen verspricht. Wenn dann nach langer Ausbeutung der Schaden für das menschliche Leben selbst sichtbar wird, dann wird die Bewahrung der Natur auf die Fahnen geschrieben. Die Natur wird jedoch nur geschützt, weil sie dem obersten Ziel, dem Menschen, dient, nicht aber weil die Natur einen ihr innewohnenden Sinn und ein eigenes Recht hätte. Diese Instrumentalisierung von allem, ist die logische Folge, wenn der Mensch sich ohne eine übergeordnete Macht selbst an die Spitze der Schöpfung stellt. Gleichzeitig fühlt der moderne Mensch Unbehagen bei dieser Instrumentalisierung, was das Beispiel der Massentierhaltung zeigt.
Die eiskalte Reduzierung des Lebenssinns von Tieren auf Fleischmaschinen oder Eierautomaten in beengten Käfigen und unter strengster Rationalisierung lässt die meisten Menschen zurückschaudern. Eine Haltung im Freien, die das Tier eher so leben lässt, wie es schon vor dem Menschen lebte, erscheint diesen Leuten als „menschlicher“ bzw. „tierisch-angemessener“ – auch für solche, die nicht prinzipiell gegen das Schlachten des Tieres zum Fleischverzehr sind. Was ihnen Abscheu einflößt, ist die totale Reduzierung des Lebenssinns des Tieres auf seine Funktion für den Menschen. Viele Menschen schrecken also vor ihrer eigenen Vergötzung zurück.
Der Islam sieht das Ziel des Menschen in der Anbetung Allaahs. Der Mensch ist also kein Selbstzweck wie unter b).
Die Gefahr der Instrumentalisierung ist aber nicht gegeben, da die Anbetung Allaahs für Allaah nicht von Nutzen ist. Der Mensch ist also kein Werkzeug, kein Glied in einer Kausalkette, um für Allaah einen Nutzen hervorzubringen.Da Allaah die menschliche Anbetung nicht braucht und bedürfnislos ist, wird Anbetung für den Menschen eine Ehre. Der Mensch wird zum Diener des Höchsten, ohne dass dieser Höchste, Allaah, sich seiner bedient.
Der Mensch steht durch sein Bewusstsein in der um ihn herumliegenden Schöpfung am höchsten, da er befähigt ist, alles auf seine Funktion und seine Mittel-Zweck-Beziehung hin zu untersuchen. Wenn er will, kann er theoretisch alles, was unter ihm steht, instrumentalisieren (auch wenn er es nicht darf). Der Mensch ist im Islaam weder Instrumentalzweck (da er kein Instrument für Allaah ist) noch ein Endzweck in sich.
Die Instrumentalisierung der restlichen Schöpfung durch den Menschen wird auch im Islaam verhindert durch die Auszeichnung des Menschen als Chaliifa. Der Mensch ist ein Stellvertreter (Chaliifa) Allaahs. Damit hat er eine gewaltige Ehre und Verantwortung, während ihm gleichzeitig der Rest der Schöpfung nur anvertraut ist. Instrumentalisieren darf er nur im begrenzten Rahmen, wie es ihm seine von Allaah eingegebene Natur gestattet (z. B. so viel essen, um satt zu werden, aber nicht Tiere töten als Sport). Damit stehen in gewisser Weise Mensch und Rest der Schöpfung auf ähnlicher Stufe, da sie beide erschaffen sind.
Gleichzeitig aber erhält der Mensch seine Würde durch Allaah, da er sein Stellvertreter sein darf. Er darf die Aufgaben übernehmen, die ihm Allaah, Der das letzte Ziel der Schöpfung ist und zu dem alles zurückkehrt, zugestanden hat. Die Rolle des Menschen ist damit durch Würde und Ehre (wie unter Lösung b) und gleichzeitig durch Bescheidenheit (wie unter a) gekennzeichnet, vermeidet aber die beiden Möglichkeiten, den Menschen zum Instrumentalzweck zu erniedrigen oder zum Selbstzweck zu vergotten.
Was den Menschen Würde gibt, ist die Tatsache, dass alles in seinem Machtbereich liegende von ihm zum Werkzeug gemacht werden kann, ohne dass es sich bewusst wird, wie es benutzt wird. Der Hammer, dessen sich der Mensch bedient, ist tote Materie und merkt nicht, dass er ein bloßes Werkzeug ist. Das Tier, das der Mensch jagt und schlachtet, wehrt sich mit Zähnen und Krallen, aber nur um sein Leben zu retten, nicht weil es sich instrumentalisiert, benutzt oder funktionalisiert vorkommt. Der Mensch ist das einzige (ihm selbst sichtbare) Lebewesen, dass es merkt, wenn es zum Glied in einer Kausalkette wird und wenn sich eine andere Macht seiner bedient. Diese Macht kann nur Allaah sein, der ihnauch tatsächlich als „Diener“ anspricht, aber doch ohne sich seiner zu „bedienen“.
Dies ist eine Tatsache, die der Mensch sonst nicht kennt: alles Höhere instrumentalisiert Niedrigeres. Diener bedienen Höherstehende. Bei Allaah ist es aber anders: Er erklärt den Menschen zu seinem eigenen Diener, ohne etwas dafür zu bekommen und belohnt ihn noch dafür. Er gibt, ohne zu bekommen. Er macht den Menschen zu seinem Diener, ohne dass der Diener von ihm Ungerechtigkeit oder Maßlosigkeit fürchten müsste. Er ernennt ihn zu seinem Stellvertreter (Chaliifa), womit er dem Menschen die Fähigkeit zugesprochen hat, die Aufgaben des Stellvertretertums auch auszufüllen. Er lässt ihn diese Aufgaben tun und belohnt ihn noch dazu, obwohl er diese Aufgaben auch selbst tun könnte durch seinen bloßen Willen.
Über den Sinn der Erschaffung des Menschen sagt Allaah: „Wa ma chalaqtu l- dschinna wa l-insa illa li-ya’buduun“: „Ich habe die Dschinn und Menschen nur erschaffen, dass sie mir dienen.“ (51:56)
In Sura Yasin Vers 61 wird diese Anbetung als der gerade Weg (siraat mustaqiim) beschrieben: „Und dass sie mir dienen: das ist der gerade Weg.“
Und von dort lässt sich eine Verknüpfung zur Sura al-Faatiha herstellen. Mit ihr sollen die Muslime genau um diesen „geraden Weg“ beten: um den geraden Weg der Dienerschaft, der zu Allaah führt am Ende aller geschaffenen Kausalketten, wodurch das menschliche Leben seinen Sinn findet in etwas, das in all seinen Aspekten höher steht und außerhalb seiner selbst liegt.
Wie aber gehen die Menschen mit dem Sinn ihres Daseins um?
Ein großer Teil der Menschheit sucht den Sinn des Lebens in Dingen, die nur ein Teilaspekt des Lebens sind, die in der Folge des Lebens entstanden sind und nicht an seinem Anfang stehen. Sie haben all ihr Streben auf einem Zirkelschluss, einem Teufelskreis aufgebaut. Wenn man zurück zur Sura Yasin schaut, so sieht man, dass einen Vers vor dem genannten das Gegenteil des geraden Wegs erwähnt wird: Die Anbetung des Schaitans! (36:60) Der Teufelskreis ist also durchaus nahe liegend. Am Anfang des Lebens steht Allaah, im Gefolge des Lebens stehen Reichtum, Vergnügen, Nachkommen, Kunst, Sport – allesamt Dinge, die das vorhandene Leben angenehmer, einfacher machen oder auch wie im Falle von Nachkommenschaft fortführen, jedenfalls aber nicht hervorgebracht haben.
Allaah sagt im Qur’aan: al-maalu wa l-banuuna ziiynatu l-hayaati d-dunya. „Vermögen und Söhne sind der Schmuck (Ziiyna) des diesseitigen Lebens.“ (18:46) Also Schmuck, Anhängsel und nicht der eigentliche Sinn, die Essenz, das Wesen und der Daseinsgrund.
Diese Sinnentstellung ähnelt dem Fall einer Behörde, z. B. einem Verteidigungsministerium, deren Mitarbeiter völlig den eigentlichen Grund ihrer Tätigkeit vergessen haben und in ihren Büros nur noch mit dem Ölen der Schreibmaschinen, dem Polieren der Tische und dem Funktionieren des Kaffeeautomatens beschäftigt sind. Selbst der Verteidigungsminister hat völlig das Ziel aus den Augen verloren und kontrolliert nur noch regelmäßig diese Tätigkeiten, lässt ständig sein Namensschild erneuern und entwirft neue Muster für seine Visitenkarten. Erst wenn solche Menschen von der Regierung zur Verantwortung gezogen werden, merken sie, dass sie ihre eigentliche Aufgabe hinter Details vergessen haben, die ihren Sinn lediglich durch eben diese
Aufgabe bekommen haben! Ein Verteidigungsminister, der sich nicht der Verteidigung widmet, braucht weder geölte Schreibmaschinen noch Visitenkarten, die zwar Vorstufen für das reibungslose Funktionieren der Bürokratie und Abwicklung der Aufgaben (, also Glieder in einer Kausalkette,) sind, die aber keinen Letztsinn in sich tragen.
Und genauso wird es den Menschen am Jüngsten Tag ergehen, die hinter dem „Schmuck des Diesseits“ vergessen haben, dass der Sinn des Diesseits nur in etwas Übergeordnetem, in etwas Größerem, nämlich im Dienst an Allaah und im Jenseits liegen kann. Über solche Verstorbene sagen die Hinterbliebenen leider voller Stolz: „Er hat sein Leben der Kunst gewidmet“. „Rennsport war sein ein und Alles“. „Er hatte sich mit Haut und Haaren der Literatur verschrieben.“
Möge Allaah Seine Diener vor diesem Schicksal schützen. Alles Lob gebührt Allaah und zu Ihm ist die Rückkehr.
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